Lesung:

28.5.2016 - 17 Uhr -                                                                                          GEDOK Berlin, Motzstr. 59, 10777                                                               Erzählung 'Erklär' ihr das Meer'

Neues Romanprojekt - Anfang des 1. Kapitels

‚Fremdes Kind, so nah’ - eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung

 

Kein Laut. Keine Bewegung. Hattest du mich nicht gehört, oder hatte ich deinen Namen gar nicht ausgesprochen? Ich sah dich und sah dich doch nicht, denn die weite Kapuze deines viel zu großen Anoraks verbarg dein Gesicht. Wie ein Mönchlein unter seiner Kutte, standest du leicht gebeugt vor mir. Ich ging in die Hocke, um die Kapuze ein wenig zurück zu schieben. Doch obwohl dich nur ein matter Lichtstrahl erreichte, hast du verschreckt die Lider gesenkt.

Die Stewardess, der man dich auf dem Flug von Bogotá nach Paris anvertraut hatte, übergab mir einige Papiere, und ließ mich dann mit einem freundlichen Kopfnicken allein mit dir zurück, denn wir mussten nach Berlin weiterfliegen.

Wir standen nahe den mechanischen Anzeigen der Informationstafel, die schnarrend und surrend vor sich hin rollten. Erst als sie mit einem Ruck klirrend wie Alu-Jalousien stehenblieben, fuhr ich zusammen. Durch eine Säule vor dem Menschenstrom in der Halle geschützt, inmitten von Stimmengewirr und dem ekelhaft süßlichen Gemisch aus Puder- und Schweißgeruch, hockte ich noch immer vor dir. Kofferradios lärmten mit einem Musikmix aus Rock’n Roll und Beat in Ohrenhöhe - auch erster Punk. Patti Smith’ Stimme ist mir deutlich in Erinnerung. Ihr nervöser Reiz hat meiner Stimmung entsprochen. Dazu dein anhaltendes Schweigen, das meine Ratlosigkeit von Sekunde zu Sekunde steigerte.

Am Ziel meiner Wünsche, endlich meiner fünfjährigen Adoptivtochter gegenüber, war ich so verstört, dass meine Atemzüge Seufzern glichen. Als hättest du sie gehört, hobst du vorsichtig die Lider. Deine Augen glänzten feucht. Die Pupillen traten wie Glaskugeln hervor. Meine Rührung verbergend lächelte ich, bis die Starre deiner Augen nachließ, sich dein Hals reckte und du mich

forschend betrachtetest. Dein Blick ließ sich Zeit, registrierte meine helle im Gegensatz zu deiner dunklen Haut, mein blondes Haar statt deines blauschwarzen, glitt an meiner großen Nase hinab, umrundete den ebenfalls großen Mund und blieb einen Herzschlag lang an meinen Lippen haften, bevor er sich hob und sich beruhigt in meinen graublauen Augen niederließ. Blick in Blick atmeten wir tief und hörbar durch. Lachten kurz auf. - Unsere erste Gemeinsamkeit. Ein Glücksgefühl, das mein Blut vor Freude summen ließ.

Dieser Augenblick verbindet mich wie eine Nabelschnur mit dir, und ich glaube, dass es dir nicht anders ergeht. Dafür gab es über die Jahre hin immer wieder Zeichen, Momente wie damals. Auch dein Lächeln, das dem gemeinsamen Auflachen folgte, kann ich mir jederzeit ins Gedächtnis rufen. Ich verbinde es mit einer Kindheitserinnerung an Wildstauden, die im Garten meiner Großmutter wuchsen, deren Namen ich nicht mehr weiß. Sie waren so hoch wie ich selbst und hatten statt einer Blüte zuoberst viele zarte, mit Knospen besetze Seitenarme, die mich magisch anzogen. Denn in der Dämmerung öffneten sie sich nach und nach, verströmten ihren Duft und zeigten ihre malvenähnlichen Blüten, die die abendlichen Schatten mit ihrem Zitronengelb erhellten. Ein für mich immer wieder überraschendes Erlebnis, wie es dein Lächeln ist - bis heute. Selbst wenn du lange fort bist, wie so oft in den 11 Jahren nach deiner Volljährigkeit, stellt es eine Nähe her, die für mich alles Trennende aufhebt.

Damals wurde es von einem Fragezeichen in deinen Pupillen abgelöst, woraufhin ich auf mich zeigte und meinen Namen nannte: „Jana.“ Du wiederholtest ihn, als würdest du jedem Buchstaben nachlauschen. Dann zeigtest du auf dich und sagtest: „Maria.“

An diese Maria von einst wurde ich heute durch einen Traum erinnert, der mich so aufwühlte, dass ich nach meinem Notizbuch griff, um ihn festzuhalten. - Du weißt, eines dieser schwarz glänzenden Hefte mit rotem Rücken und ebensolchen Ecken, in die ich schreibe, was ich zu erledigen habe, plane oder nicht vergessen will. Nur die erste Seite war beschrieben. Alles dort Vermerkte hatte ich erledigt, so dass ich das Blatt getrost heraustrennen konnte, bevor ich mit diesen für dich bestimmten Aufzeichnungen begann.

Seit wir uns erstmals auf dem Flughafen gegenüberstanden, sind bald zwanzig Jahre vergangen. Als du 1974 zu mir nach Berlin kamst, warst du fünf Jahre alt; so jedenfalls stand es in deinen Papieren. Ich war fünfunddreißig und hatte das schier Unmögliche geschafft, dich als Alleinstehende zu adoptieren. Lehrerin zu sein, war dabei ein Vorteil, da man mir die pädagogische Eignung nicht absprechen konnte. Trotzdem glich es einem Wunder, und das Wunder stand vor mir. Behutsam habe ich dich in die Arme genommen und war erleichtert, als die Wärme unserer Körper den Rest deiner furchtsamen Erstarrung löste.

Zur Begrüßung hatte ich eine braune Stoffpuppe mit langen schwarzen Haaren mitgebracht. Zögernd hast du auf dich, dann auf die Puppe gezeigt und ungläubig „Muñeca“ geflüstert, konntest gar nicht aufhören das spanische Wort für Puppe zu sagen. Auf unserem gemeinsamen Flug nach Berlin wurde die kleine Muñeca wie erhofft zur wortlosen Dolmetscherin. Wie hätten wir uns sonst verständigen sollen? Ich hatte erst vor drei Monaten erfahren, dass mein Adoptivkind aus Kolumbien kommen und nicht wie gewünscht drei, sondern fünf Jahre alt sein würde. Es blieb nur wenig Zeit, um spanische Vokabeln und Redewendungen zu lernen. Unsere Dolmetscherin wurde in deinen Händen recht lebhaft. Zuerst stupste sie mich zaghaft, dann herzhafter, streichelte, küsste, kuschelte sich an. Als es Essen gab, hüpfte die Puppe begeistert, wurde von dir aber gleich darauf achtlos hinter deinem Rücken an den Sitz gedrückt, um die Hände frei für das Essen zu haben. Schnuppernd beugtest du dich über die Speisen, um dann mit einer Gier, die ich nur von streunenden Katzen kannte, ein Sandwich, Obst und Kuchen in dich hineinzustopfen. In kurzer Zeit war alles verschlungen. Ich sah deinen begehrlichen Blick, nickte und tauschte die Tabletts aus. Statt selbst zu essen, hatte ich meine Augen nicht von dir abwenden können.

Dein Aussehen erzählte die Geschichte Kolumbiens: dunkles glattes Haar, das bis auf die Schultern fiel, verwies auf Mayas und Azteken. Dein Mund mit den aufgeworfenen Lippen erzählte wie die haselnussbraune Haut von versklavten afrikanischen Vorfahren, und die zartflüglige Nase verriet die weißen Eroberer, zu deren Nachfahren dein Vater gehörte - an ihn hast du dich erst Jahre später erinnert. So apart diese Anteile in deinem Gesicht vereint waren, so erschreckend dagegen war die Sprache deiner ausgemergelten Glieder, dein Hungerbauch und deine Augen, die, wenn sie nicht lächelten, gehetzt und lauernd, mal fiebrig, mal erloschen, nicht die eines Kindes waren.

In deinen Anblick versunken fühlte ich die übernommene Verantwortung stärker denn je. Doch statt besorgt oder ängstlich zu sein, spürte ich ein tiefes inneres Glück, das keinen Zweifel daran aufkommen ließ, dass ich mich richtig entschieden hatte, dich zu mir zu holen. ...